Freitag, 08. Juni 2012
Beim Abriss des alten Löhrhof-Centers für den Bau der Arcarden haben Arbeiter auf der Fläche des einstigen Parkplatzes zwischen Löhrhof- und Hermann-Bresser-Straße historische Schätze freigelegt: neben einer vergleichsweise jungen Zeitkapsel unter anderem auch einen Grabstein, Tierknochen und Keramikreste. Aus historischen Karten und Archivalien war bereits bekannt, dass sich in dem Bereich in der Vergangenheit verschiedene Örtlichkeiten wie der namengebende Löhrhof befunden hatten. Die jetzigen Bodenfunde liefern dazu eindeutige Nachweise.
Die Zeitkapsel aus dem Jahr 1963, das jüngste Objekt, wurde bei der Grundsteinlegung eines Erweiterungsbaus des Bitter-Verlags vergraben. „Die Kupferschatulle, enthält neben Zeitungsartikeln und Bauzeichnungen auch eine wunderschöne Kalligrafie, unterschrieben von den damaligen Bauherren, Wilhelm und Käthe Bitter, sowie deren vier Söhnen“, sagte Arno Straßmann, ehrenamtlich Beauftragter für die Bodendenkmalpflege in der Stadt Recklinghausen. Der Recklinghäuser Verlag, der unter anderem auch Werke von Günter Wallraff sowie den „Kleinen Hobbit“ von J.R.R. Tolkien verlegte, wurde nach dem Umzug an den Wilhelm-Bitter-Platz 1974 komplett abgerissen.
Der Gebäudekomplex des einstigen Bitter-Verlags (vormals Vestische Druck- und Verlags AG) wurde dort errichtet, wo sich einst der Löhrhoff – korrekt mit doppeltem „f“ – befand, ein historisch belegtes Beginenhaus. Beginen nannte man seit dem 13. Jahrhundert die weiblichen Mitglieder einer ordensähnlichen, christlichen Laiengemeinschaft. In Recklinghausen existierten im Jahre 1305 zwei Beginenhäuser, das obere und das untere Beginenhaus. Letzteres wurde auch Haus der Jungfrauen van Stoveren oder niederstes Beginenhaus genannt. Dieses niederste Beginenhaus, bereits im Jahre 1300 erwähnt, erhielt erst viel später den Namen Löhrhoff.
Ein freigelegter Grabstein, aus dem Jahre 1932, wurde nach Ablauf der Ruhefrist von den Hinterbliebenen in Erinnerung an eine früh Verstorbene vom Friedhof in den eigenen Garten gebracht. Dieser Garten und das zugehörige Wohnhaus gehörten knapp 180 Jahre zuvor dem Scharfrichter Schlieff. Zugleich war Schlieff auch als Wundarzt und als städtischer Abdecker (Filler) tätig.
Überreste der Fillerei konnten jetzt archäologisch dokumentiert werden: Hunderte von Knochen und Zähnen von Rind, Pferd, Schwein und Schaf wurden an der „Arcaden“-Baustelle geborgen. Zeittypische Gefäßscherben beweisen, dass die Abdeckerei viel länger existierte, als bisher vermutet. Die ältesten entdeckten Scherben stammen aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert: Zu diesem Zeitpunkt lag die „Fillerei“ noch außerhalb der ersten Stadtmauern. Da weder der Beruf des Abdeckers noch der des Scharfrichters sozial geachtet war, lebte dieser stets im entlegensten Teil der Stadt.
Gleiches gilt für einen westlich der Abdeckerei gelegenen Teich. Das im Volksmund als Eick’scher Gerberteich bekannte Gewässer, benannt nach Franz Heinrich Joseph Eick, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Recklinghausen eine große Lohgerberei betrieb, ist deutlich älter als angenommen und wurde vermutlich um das Jahr 1300 angelegt. Die Gerber nutzten auch die in der Fillerei anfallenden Tierhäute: Mit Hilfe der aus Eichenrinde gewonnen Gerbstoffe, der Gerberlohe, wurden tierische Häute und Felle zu Leder weiterverarbeitet. Im norddeutschen Raum ist die Bezeichnung Löhr für den Lohgerber gebräuchlich. Von diesem Berufszweig leitet sich der Name Löhrhof ab.
In der sogenannten Kulturschicht wurden Reste von Gefäßen freigelegt, die zum Großteil dem 14. und 15. Jahrhundert entstammen („Siegburger Steinzeug“). „Vor dem großen Stadtbrand von 1500 scheint das Gebiet des Löhrhofs stärker besiedelt gewesen zu sein, danach ist ein deutlicher Siedlungsrückgang feststellbar“, sagt Straßmann.
Bei den weiteren Baggerarbeiten auf Höhe der Kaiserwall-Passage neben dem „Still’schen Gebäude“ stießen die Arbeiter im Untergrund auf ein Grabensystem. Der maximal fünf Meter breite Graben wurde einseitig durch Eichenpfähle mit Brettern gesichert. Ziel und Zweck der Anlage sind momentan noch ungeklärt. Zur Auflösung wurde Mark Schrader vom „LWL – Archäologie für Westfalen“ in Münster hinzugezogen, der das „Grabensystem“ einmaß und wissenschaftlich dokumentierte. Dazu wurden auch einzelne Eichenpfähle zur Bestimmung ihres Alters (dendrochronologische Untersuchungen) entnommen. Ergebnisse sollen frühestens im Herbst 2012 vorliegen.
Quell: Pressestelle Recklinghausen