Sonntag, 24. Juni 2012
Am 24. Juni 1812 begann mit dem Übergang französischer Truppen über die Memel Napoleons Russlandfeldzug. Dabei waren auch junge Männer aus Recklinghausen, die wie viele Gleichaltrige aus Westfalen als Wehrpflichtige zur multinationalen Grande Armée eingezogen waren. Kaum einer der 36 Recklinghäuser des Geburtsjahrgangs 1792 dürfte allerdings jemals die Heimat wieder gesehen haben. Gestorben an Hunger, Kälte, Krankheiten und nicht zuletzt durch den Feind. Es sind verheerende Schicksale, die mit den Ereignissen der Weltgeschichte unmittelbar zusammenhängen.
Dr. Matthias Kordes vom Institut für Stadtgeschichte hat sich aus diesem Anlass mit historischen Akten des Archivs beschäftigt und nun die Ergebnisse seiner Recherchen vorgestellt: „Ich bin fasziniert von der Dichte der Überlieferung. Wir können sehen, wie die Weltgeschichte auf lokale Eben heruntergebrochen wird.“
Auf „allerhöchstes Kaiserliches Dekret“ wurde am 26. Januar 1812 in Paris die Aushebung von 1850 Mann im Großherzogtum Berg angeordnet. Die „Militair Conscription“ wurde öffentlich ausgehängt und sah für den „Kanton Recklinghausen auf eine Population von 18.281 Seelen 36 Mann“ vor. Anhand des kirchlichen Taufregisters von St. Peter wurden 71 wehrfähige Männer ermittelt. Über ihre jeweilige Tauglichkeit sind Bemerkungen wie „blödes Auge links“ - also blind, Plattfüße oder krummer Rücken vermerkt. Kaum einer der jungen Männer dieser Zeit war vollkommen gesund.
Nachdem am 4. März die Auslosung erfolgt war, wurden die Rekruten in kurzer Zeit beim 2. Lancier-Regiment in Hamm oder bei der Infanterie in Düsseldorf für den Kriegsdienst ausgebildet. Zu Fuß ging es dann in Gewaltmärschen über Stralsund, Stettin, Stolp, Danzig und Königsberg bis zur russischen Grenze an der Memel. Im 9. Armeecorps, welches als strategische Reserve vorgesehen war, erhielten sie Ende September 1812 schließlich den Marschbefehl zur Deckung des Rückzugs Napoleons.
Auf dem langen Weg nach Moskau litten die Soldaten der Grande Armée unter Hunger, Schnee, Kälte und Krankheiten. Kleiderläuse übertrugen das gefährliche Fleckfieber. Zehntausende starben. Zar Alexander I. verweigerte Napoleon Verhandlungen, bis dieser schließlich am 18. Oktober den Befehl zum Abmarsch gab. Fehlender Nachschub, Krankheiten sowie ständige Angriffe der russischen Kosaken setzten den französischen Truppen schwer zu. In der Schlacht an der Beresina wurde Napoleons Grande Armée zerschlagen. Der Weg über den zugefrorenen Fluß mündete in einem Desaster. Nur 18.000 napoleonische Soldaten übertraten im Dezember 1812 die preussische Grenze an der Memel.
Die französische Armee und mit ihr die verbündeten europäischen Staaten erlitten in Russland enorme Verluste, und der Mythos der Unbesiegbarkeit Napoleons war dahin. Drei Jahre später in Waterloo war er endgültig besiegt.
Der preußische General Yorck von Wartenburg beschrieb die Katastrophe des Russlandfeldzugs in nüchternen Zahlen: „Der Kaiser überschritt mit 336.00 Mann die Memel, kam mit 229.000 Mann nach Witebsk, eröffnete mit 185.000 Mann die Operation auf Smolensk, verließ mit 156.000 Mann die Stadt und zog mit 95.000 Mann in Moskau ein. Nach dem Rückzug über die Beresina waren es kaum 30.000.“ Recklinghausen leistete seinerzeit einen blutigen Beitrag. Eine Vermißtenliste von 1813 verzeichnet 14 Soldaten aus dem Vest, eine weitere Liste 12 Personen. Unter ihnen auch Josef Schrage, von dem ein letztes Lebenszeichen aus Stralsund vom 8. April 1812 datiert oder Johann-Heinrich Clodt aus Hillen. Er schrieb zum letzten Mal im Sommer 1812 aus Stettin.
Text: Stefan Kuhn