Die unnützen Medizinangebote

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Die cool cats im Wartezimmer.Foto: Jörg LippmeyerDie cool cats im Wartezimmer.

Vor einiger Zeit veröffentlichte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung einen Beitrag über die bösen Räuber aus der Kaste der Ärzte. Zur Inspiration hatte sich die Autorin bei den verschiedenen Feindesarmeen der Ärztebande, den diversen Krankenkassen und so genannten Patienten-Schutzorganisationen umgehört. Da berichtete sie auf Seite 1, die Ärzte würden den Patienten Angst und Schrecken einjagen.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.

Sie lockten die Menschen in ihr medizinisches Knusperhäuschen, aus dem sie sich nur durch den Erwerb gänzlich unnützer oder gar gefährlicher Individueller Gesundheits-Leistungen (IGeL) freikaufen könnten. Da müssen die armen Opfer dann völlig unsinnige und wertlose Foltermaßnahmen wie Röntgen oder Ultraschall über sich ergehen lassen. Wenn sie der Praxis endlich entronnen sind, zittern sie vor Angst und Panik und bekommen Krebs.

Ich frage mich, mit welcher Naivität muss ein Journalist geschlagen sein, der diese klischeehaften Plattitüden gebetsmühlenartig verbreitet. Da wird dann offensichtlich völlig ungeprüft die Aussage eines AOK-Häuptlings veröffentlicht, Röntgen-Untersuchungen brächten „dem Arzt äußerst selten Informationen über seine Untersuchungen und Befragungen hinaus. Solche Untersuchungen förderten höchstens meist kleinere Abnutzungen zutage, die Patienten noch zusätzlich verunsichern. Aber auf Röntgenstrahlen und Computertomographie gingen jedes Jahr geschätzt rund 2000 Krebserkrankungen zurück. Angezeigt sei Röntgen bei Schmerzen nach Unfällen oder Verletzungen“ (Zitat WAZ 27.5.2015).

Leider gibt es keine Untersuchungen, die belegen könnten, wie viele Menschen durch die Verbreitung derart unseriöser Klischees erkranken und versterben. So wie die AOK erlaube auch ich mir zu schätzen, dass gerade durch diese Panikmache tausendfach Menschen zu Schaden und zu Tode kommen, weil sie sich nicht mehr trauen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen oder notwendige Untersuchungen durchführen zu lassen. Allerdings ist in diesen Fällen eines gewiss: Sie verursachen den Krankenkassen weniger Kosten, und das ist doch die Hauptsache - oder?

Selbstverständlich darf in einem derartigen Artikel auch nicht vergessen werden, den Arzt einmal mehr als gewissenlosen Geschäftemacher anzuprangern. Da darf dann Eugen Brysch, Deutsche Stiftung Patientenschutz, nicht fehlen, der meint: „Die Aufgabe der Ärzteschaft ist es nicht, Geschäfte zu machen, sondern dem Patienten zu helfen“ (Zitat WAZ 27.5.2015). Da frage ich mich doch: In welchem Land und in welchem Wolkenkuckucksheim lebt dieser Mensch? Es kann nicht Deutschland sein. Denn hier gibt es seit jeher ein marktwirtschaftlich organisiertes Gesundheitssystem.

Der völlig ungebremste Konsum zum gefühlten Nulltarif beschert uns jedes Jahr phantastische Wachstumsraten, die jeden Wirtschafts- und Finanzpolitiker tirilieren lassen. Der Treibstoff dieses Systems ist der Konsum und nichts anderes. Zu diesem System gehören abzockende Patienten ebenso wie die Geschäftemacher. Das sind neben vielen anderen auch Heilpraktiker und die mit ihnen kooperierenden Anbieter von Hokuspokus-Medikamenten, Hersteller von angeblichen Schlankmachern und nutzlosen Nahrungs-Ergänzungsmitteln und natürlich auch Ärzte und Pharmaindustrie. Vielleicht beschimpft Herr Brysch ja mal zur Abwechslung die Verbraucher, ohne die dieser gigantische Markt für Mist nicht funktionieren kann.

Jeder Anbieter von Produkten im Gesundheitswesen, seien es Dienstleistungen oder Sachen, ist ein gewinnorientiertes Unternehmen. Sie orientieren sich an dem, was der Markt verlangt. In diesem Markt gibt es nun mal die anspruchsvollen, kritischen Kunden, die nur geprüfte Qualität auf höchstem Niveau kaufen und auch bereit sind, dafür zu bezahlen. Ebenso gibt es den Geiz-ist-geil-Kunden, der meint, er sei nicht blöd, wenn er sich jeden Quatsch aufschwatzen lässt; es muss nur billig sein oder von der Krankenkasse bezahlt werden.

Zum einen müssen die Krankenkassen diesen überbordenden Markt zu überwiegenden Teilen finanzieren. Zum anderen konkurrieren sie um beitragszahlende Mitglieder, die man mit allerlei Wohltaten ködern muss, anstatt sie mit unbequemen Tatsachen zu vergrätzen. Also schmeichelt man diesen potentiellen Kunden, indem man ihnen unbegrenzte Fürsorge vorgaukelt und die Ärzte als gewissenlose Geschäftemacher diskreditiert. Wer jedoch glaubt, dass den Krankenkassen das Wohl ihrer Versicherten wichtiger ist als die Kassenlage, ist ein Träumer.

Dieser Markt ist, wie er ist. Er versorgt die Bevölkerung mit einer weltweit einmaligen Luxusmedizin ebenso wie mit allerlei Schund. Es wäre Aufgabe der Politik, diesen Markt zu gestalten. Nur hat die Politik ihren eigenen Markt, nämlich die Wähler. Und das sind dieselben, die den Gesundheitsmarkt darstellen.

Text: Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey 16. Juni 2015, 15:13 Uhr

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